Fachmarktzentrum? Allein es fehlt der Glaube …

Eine tolle Vorstellung: Jenaer, Erfurter, Coburger und gar Kronacher  kommen bald nach Saalfeld gefahren, um hier im neuen Fachmarktzentrum am Bahnhofsareal einzukaufen. Besonders anziehend finden die neuen Besucher die hochwertigen Fachmärkte  wie H&M, C&A, Media Markt, Globetrotter und wer weiß, vielleicht ja auch Ikea. Berauscht vom tollen Einkaufserlebnis schlendert der begeisterte Gast mit einem Kaffee “to go“ von Starbucks die Bahnhofstraße hochwärts über die Saalebrücke in die Saalstraße. Von dort flaniert er weiter in die Innenstadt, um den tollen Einkaufstag in der Innenstadt, der Steinernen Chronik Thüringens, gemütlich zu beschließen. Die Stadt Saalfeld wird belebter denn je, es entstehen Arbeitsplätze, jede Menge Kaufkraft wird in die kleine Kreisstadt an der Saale gespült.  Fantastische Gedankenspiele – aber wie realistisch ist diese Vorstellung?

Die eine Hälfte der Saalfelder Stadträte glaubt dem Investor und an diese Vorstellung. Für die andere Hälfte ist diese schlicht und ergreifend nicht realistisch. Aber warum stimmen gleich 15 Stadträte gegen den Bau eines solchen Einkaufszentrums?

Es könnte zum einen die Sorge um die Saalfelder Innenstadt sein. Blicken wir auf benachbarte Kommunen. Diese kennen den Investor und haben ihre Erfahrungen mit Einkaufstempeln und deren Folgen.

In Kahla, Pößneck, Bad Blankenburg und Neuhaus am Rennweg ist eine Innenstadt mit Geschäften, Cafés oder Restaurants quasi nicht mehr existent. Schaut man nach Rudolstadt, muss man feststellen, dass die Geschäfte immer weniger werden und die Innenstadt von einem bunten Treiben weit entfernt ist. Nichts Neues ist entstanden, sondern lediglich eine Verlagerung von Geschäften und Arbeitsplätzen. Auch dort ist jetzt bekannt, dass sich die begehrten Fachmärkte am liebsten in Städten ab 100.000 Einwohner niederlassen. Saalfeld hat 25.098 Einwohner!

Die Räte mit dem erhobenem Zeigefinger haben die Befürchtung, dass das Fachmarktzentrum eher aus REWE, KiK, Esprit, Medimax, Rossmann, dm und Fastfood besteht, als aus den großen proklamierten Namen. Die Innenstadt drohe auszusterben, befürchten sie.

Wer durch Saalfeld läuft, dem bleiben die mindestens 33 leer stehenden Geschäftsräume kaum verborgen. „Saalfeld hat jetzt schon fast doppelt so viel Verkaufsfläche wie vergleichbare Kommunen“, sagt der Werbering-Vorsitzende Oliver Brömel und kann nicht verstehen, warum jetzt noch weitere 12.500 qm (zzgl. 15% Toleranz) Verkaufsfläche am Bahnhof gebaut werden sollen.

Keine Millionenklage! Befürchtungen, wonach Saalfeld mit einer Millionenklage im Falle einer Ablehnung des Einkaufszentrums rechnen müsse, weisen die kritischen Stadträte zurück. „Der Investor hat ein Vorkaufsrecht auf die städtischen Grundstücke und sicher auch einige Planungskosten gehabt, aber diese waren wohl kaum im Millionenbereich“, klärt uns ein erfahrener Kommunalpolitiker auf.

Wir wissen, dass sich unser Städtedreieck jährlich auf der EXPO REAL Immobilien-Messe in München um Investoren bemüht und mit Engelszungen versucht, die schlechte Autobahnanbindung, die schrumpfende, überalterte Bevölkerung sowie die geringe Kaufkraft weg zu argumentieren. Mit mäßigem Erfolg.

Allein es fehlt der Glaube, dass es dem Investor gerade bei uns gelingen soll,  Fachmärkte, die man nur in Großstädten findet, in die Provinz zu lotsen. Die praktischen Erfahrungen aus benachbarten Kommunen zeichnen ein anderes, ein düsteres Bild.

Jetzt werden die Bürger befragt. Jeder Saalfelder Bewohner ab 16 Jahre darf abstimmen und erhält zuvor ein Infopaket aus mehreren A4-Seiten mit Rückkuvert. 

Wir sagen NEIN zum Fachmarktzentrum! Das wäre nicht das Ende der Neugestaltung am Bahnhofsareal, sondern der erste Schritt zu einer besseren Lösung.